Stringing bei PETG loswerden: Retraction richtig einstellen

Stringing bei PETG loswerden: Retraction richtig einstellen

Kaum ein Material spaltet die Gemüter so wie PETG: stabil, zäh, wetterfest — und berüchtigt für die feinen Fäden, die sich zwischen den Teilen spannen. Wenn dein Druck am Ende aussieht, als hätte eine Spinne darüber gearbeitet, liegt das fast nie am Pech. Es liegt an ein paar Einstellungen, die du gezielt anpassen kannst.

Kurzantwort

Stringing bei PETG bekämpfst du an drei Stellen gleichzeitig: trockenes Filament, eine eher niedrige Drucktemperatur und eine sauber eingestellte Retraction. In den meisten Fällen verschwinden die Fäden fast vollständig, wenn du das Filament trocknest, die Temperatur in 5-°C-Schritten senkst und die Rückzugslänge und -geschwindigkeit systematisch testest.

Warum PETG überhaupt fädelt

PETG ist im geschmolzenen Zustand zäh und klebrig — genau die Eigenschaft, die es so schlagzäh und schichttreu macht, sorgt beim Leerweg der Düse dafür, dass Material nachläuft. Kommt Feuchtigkeit dazu, wird es richtig unangenehm: PETG ist stark hygroskopisch, es zieht also Wasser aus der Luft. Beim Drucken verdampft dieses Wasser in der Düse, reißt kleine Materialfäden mit und hinterlässt zusätzlich eine raue, teils knisternde Oberfläche.

Das ist die gute Nachricht: Stringing ist kein Materialfehler, sondern ein Zusammenspiel aus Feuchtigkeit, Temperatur und Wegführung. Jede dieser Stellschrauben kannst du kontrollieren.

In der Praxis: Schritt für Schritt

1. Filament trocknen — zuerst, immer

Bevor du irgendeine Einstellung anfasst: Trockne die Rolle. Eine offen gelagerte PETG-Spule kann nach wenigen Tagen genug Feuchtigkeit gezogen haben, um sichtbar zu fädeln. In einer Filament-Trockenbox reichen meist etwa 55–65 °C für 4–8 Stunden. Lagere die Rolle danach trocken, idealerweise mit Trockenmittel. Sehr oft ist dieser eine Schritt schon die halbe Miete.

2. Temperatur senken

PETG druckt je nach Hersteller typischerweise im Bereich 230–250 °C. Je heißer, desto flüssiger — und desto mehr läuft nach. Drucke einen Temperaturturm und taste dich von oben in 5-°C-Schritten nach unten, bis die Fäden verschwinden, ohne dass die Schichthaftung leidet. Oft liegt der Sweet Spot am unteren Ende des vom Hersteller angegebenen Fensters.

3. Retraction richtig einstellen

Beim Rückzug (Retraction) zieht der Extruder Filament zurück, damit während des Leerwegs nichts aus der Düse quillt. Zwei Werte zählen: Länge und Geschwindigkeit.

  • Länge: Der Extrudertyp entscheidet. Bei einem Direct-Drive-Extruder — wie an unserem Bambu Lab P1S — genügen meist kurze Wege von rund 0,8–2 mm. Bei Bowden-Aufbauten sind es eher 4–7 mm, weil der längere Schlauch mitfedert.
  • Geschwindigkeit: Ein guter Startwert liegt bei etwa 25–40 mm/s. Zu langsam lässt Material nachsickern, zu schnell kann bei weichem PETG den Filamentstrang malmen.

Wichtig: Übertreib es nicht mit der Länge. Zu viel Rückzug fördert bei PETG eher Verstopfungen und abgeschliffenes Filament als saubere Reisewege. Ein Retraction-Test (zwei Türmchen mit variierenden Werten) zeigt dir in einem einzigen Druck, wo dein Optimum liegt.

4. Reisewege optimieren

Zusätzlich helfen ein paar Slicer-Optionen: Aktiviere Combing beziehungsweise „nur innerhalb der Außenwand reisen“, damit die Düse Fäden über sichtbaren Flächen vermeidet. Eine hohe Reisegeschwindigkeit gibt nachlaufendem Material weniger Zeit, sich zu strecken — der P1S fährt Leerwege problemlos sehr schnell. Auch ein Wipe- oder Coasting-Schritt am Ende einer Bahn kann die letzten Fäden abstreifen.

Fazit

Stringing bei PETG ist lösbar — und zwar in dieser Reihenfolge: erst trocknen, dann Temperatur senken, dann Retraction und Reisewege feinjustieren. Ändere immer nur eine Sache pro Testdruck, sonst weißt du am Ende nicht, was gewirkt hat. Ein Temperatur- und ein Retraction-Turm kosten dich zusammen keine Stunde und ersparen dir viel Nacharbeit. Genau diese Sorgfalt steckt auch in unseren Alltagsobjekten aus PETG — Fäden ziehen wir lieber im Test, nicht am fertigen Stück.

FAQ

Muss ich PETG wirklich jedes Mal trocknen?

Nicht zwingend vor jedem Druck, aber sobald eine Rolle länger offen lag oder sichtbar fädelt und knistert. Trockene Lagerung mit Trockenmittel verlängert die Zeit zwischen zwei Trockengängen deutlich.

Fädelt PETG grundsätzlich mehr als PLA?

Tendenziell ja — PETG ist im Schmelzzustand zäher und klebriger als PLA und reagiert empfindlicher auf Feuchtigkeit. Mit den richtigen Einstellungen bekommst du es aber sauber hin.

Hilft ein höherer Rückzug nicht einfach immer?

Nein. Ab einem gewissen Punkt bringt mehr Länge nichts mehr und begünstigt stattdessen Verstopfungen. Deshalb testen statt raten — und lieber am unteren sinnvollen Wert bleiben.